THE KING OF ALGIERS
Deutschlandpremiere
Frankreich 23 | Regie Elias Belkeddar | mit Reda Kateb, Benoît Magimel, Meriem Amiar
»Omar die Erdbeere« ist ein ziemlicher Ganove. Die wenigsten trauen sich, über seinen Namen zu lachen und die meisten kennen eine Geschichte, die dem großen Omar seinen ehrfurchtsvollen Beinamen eintrug. In Frankreich hat man ihn in Abwesenheit zu zwanzig Jahren Knast verdonnert, weswegen er jetzt mit seinem Kumpel Roger in Algier abhängt und sich im Wesentlichen bemüht, unter dem Radar zu fliegen. Ein paar kleine Gaunereien schleichen sich dann aber doch in seinen Tagesablauf ein, der ansonsten eher aus langweiliger Fabrikarbeit, leichten Fitnessübungen und ausgiebigen Saufgelagen besteht. Aber dann lernt Omar die hübsche Samia kennen und obwohl er sich wirklich bemüht, ein anderer Mensch zu werden, haben die krummen Dinge in seinem Leben die hartnäckige Angewohnheit, sich im ungünstigsten Moment wieder bemerkbar zu machen.
Die algerische Hauptstadt mit ihrer unvergleichbar exotischen Atmosphäre ist dann auch tatsächlich so etwas wie der vierte Hauptdarsteller in Elias Belkaddars leichtfüßiger Gangstersaga, die mit einer Besetzung in absoluter Hochform daherkommt. Und wenn wir die dritte und die vierte Story hören, wie Omar »Omar die Erdbeere« wurde, erinnern wir uns, dass die schönsten Legenden im Kino entstehen.
»The real protagonist here is love and exile«. (Elias Belkeddar)
»Omar the Strawberry« is quite the crook. Very few dare to laugh at his name, but most know one story that earned the great Omar his reverential nickname. In France, he has been sentenced to twenty years in jail in absentia, which is why he now hangs out in Algiers with his buddy Roger and essentially tries to fly under the radar. A few small scams do creep into his daily routine, though, which otherwise consists of boring factory work, light fitness exercises and extensive drinking binges. But then Omar meets pretty Samia, and although he makes a real effort to become a different person, the crooked things in his life have the stubborn habit of reappearing at the most inopportune moment.
The Algerian capital, with its incomparably exotic atmosphere, indeed turns out to be something like the fourth main character in Elias Belkaddar's light-hearted gangster saga, which comes across as a most joyful turn on the classic gangster stories with a cast in absolute top form. When we hear the third and fourth story on how Omar became »Omar the Strawberry«, we remember that the most beautiful legends are born in the cinema.
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ALLMEN UND DAS GEHEIMNIS DES KOI
Weltpremiere
Deutschland 23 | Regie Sinje Köhler | mit Heino Ferch, Andrea Osvárt, Samuel Finzi, Uwe Kockisch
Früher war Allmen ein gelegentlicher Kunstdieb, mittlerweile ist er seriös geworden und beschafft gestohlene Kunstwerke im Dienste des Besitzers zurück. Eher leidlich gelingt ihm damit die Finanzierung seines verschwenderischen Lebensstils, zu dem eine unbändige Spielsucht, eine feine Garderobe und ein eigener Diener gehören, mit dem er die Welt bereist - weshalb er auch mit einer der reichsten Frauen der Schweiz ausgeht. Als er mit ihr auf Teneriffa Urlaub macht, wird er mit einer selbst für seine Verhältnisse ungewöhnlichen Aufgabe konfrontiert: Er soll einen gestohlenen Koi zurückholen, einen hochgezüchteten japanischen Karpfen, der vielleicht nicht viel wert ist, wenn er an einer Wand hängt, aber in seinem natürlichen Habitat mit 1,5 Millionen Euro durchaus Sammlerpotential aufweisen kann.
Mit Stil und der ihm eigenen Überheblichkeit geht er den Fall an, hangelt immer haarscharf an den ausschweifenden Abenteuern eines James Bond und den geistigen Höhenflügen eines Hercule Poirot entlang. Die richtigen Schlussfolgerungen zieht er messerscharf, nachdem er zuvor alle falschen einmal durchexerziert hat.
Sinje Köhlers beschwingte Regie macht ebenso viel Freude, wie das wunderbare Zusammenspiel von Heino Ferch und Samuel Finzi, die als Odd Couple unter den Kriminalisten so einige Kollegen in den Schatten stellen.
Allmen used to be an occasional art thief, but has now gone legit, retrieving stolen artwork in the service of the proper owner. This barely funds his lavish lifestyle, which includes an irrepressible gambling habit, a fine wardrobe and his own manservant, with whom he travels the world – which is why he also dates one of the richest women in Switzerland. While vacationing with her in Tenerife, he finds himself pushed into an assignment that is unusual even for his libertine standards: retrieving a stolen Koi, a highly bred Japanese carp that might not be worth much mounted on a wall, but will fetch as much as many artworks when alive.
He tackles this assignment with aplomb and style, combining his ability to dress like James Bond with a mental acuity just below Hercule Poirot’s and comes up with the right conclusion just when all wrong conclusions have previously been reached.
Sinje Köhler's exhilarating direction is just as enjoyable as the wonderful screen energy between Heino Ferch and Samuel Finzi, who, as an odd couple among criminalists, overshadow quite a few of their infamous colleagues. You name it.
CHARCOAL
Deutschlandpremiere
Brasilien 23 | Regie Carolina Markowics | mit César Bordón, Rômulo Braga, Jean de Almeida Costa
In einem kleinen Dorf in Brasilien, weit entfernt vom quirligen Leben der Metropole Sao Paulo, versucht die resolute Irene, ihre kleine Familie so gut es geht zusammenzuhalten. Ihr Ehemann tagelöhnert als Köhler, wenn er seinen Lohn nicht gerade in Alkohol umsetzt, während ihr kleiner Sohn Jean sich ein Zimmer mit dem bettlägerigen Großvater teilen muss, der nach einem Schlaganfall durchgehend auf Hilfe angewiesen ist. Und dann taucht eines Tages statt der üblichen Pflegekraft eine Krankenschwester auf, die der Familie ein unmoralisches Angebot für eine endgültige Lösung ihrer Probleme unterbreitet: Weg mit Großvater! Stattdessen soll Miguel in dem kleinen Häuschen einziehen, ein argentinischer Drogenboss, der sich vor der Polizei verstecken muss – aber dafür jede Menge Geld mitbringt. Und einen großen Sack voll Ärger.Carolina Markowicz dreht ihren Debütfilm als absurde und bitterböse Farce, die konsequent streitlustig ihren Finger in die offenen Wunden der brasilianischen Gesellschaft legt. »Charcoal« ist ehrlich, emotional, voller schwarzem Humor und mitreißend wie ein perfekter Thriller. Zuallererst jedoch ist es ein zutiefst menschlicher Film in einer unmenschlichen Welt.
In a small village in Brazil, far from the bustling life of Sao Paulo, resolute Irene tries to keep her small family together as best she can. Her husband works as a seasonal charcoal burner when he's not turning his meager pay into alcohol, while their young son Jean has to share a room with his bedridden grandfather who is constantly dependent on help after suffering a stroke. And then one day, instead of the usual nurse, a healthcare worker shows up to offer the family an immoral solution to their problems: Grandpa, be gone! Instead of the senior in need, Argentine drug lord Miguel is supposed to move into the little house – he needs some place to hide from the police but brings plenty of money in return. And a big bag of trouble.
Carolina Markowicz shapes her debut film as an absurd and bitterly wicked farce that consistently and belligerently pokes its finger into the open wounds of Brazilian society. »Charcoal« is honest, emotional, filled with dark humor, and moves forward like a tense and seamless thriller. First and foremost, however, it is a deeply human film in an inhuman world.
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CONFINÉS
Weltpremiere
Frankreich 23 | Regie Isild Le Besco | mit Astrid Blacquière, Isild Le Besco, Malcolm Conrath, Yuri Milyayev
Der Moment, in dem Emmanuel Macron in einer Videoansprache den Corona-Lockdown verkündet, trifft Zina und ihre Geschwister wie eine Links-Rechts-Kombination. Sie werden nicht nur aus ihrem gewohnten Alltag gerissen, sie sind nun auch Gefangene ihres zu Gewaltausbrüchen neigenden Vaters. Die lauten, oft handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen ihren Eltern sind nichts Neues für sie. Doch der Lockdown liefert sie der Tyrannei ihres Vaters ununterbrochen aus. Es gibt keine Stunden der Sicherheit mehr.
Es ist viel über den Anstieg häuslicher Gewalt in den Jahren der Corona-Epidemie berichtet worden. Aber die klaustrophobischen Bilder, in denen Isild le Besco ein Gefühl des absoluten Ausgeliefertseins heraufbeschwört, lassen all das verblassen. Le Bescos Drama entwickelt jedoch nicht nur eine körperliche Dringlichkeit. Es öffnet sich immer wieder für poetische Momente und Augenblicke eines fast schon paradiesischen Glücks. Aus ihnen erwächst eine Hoffnung, wie sie nur große Kunst vermitteln kann.
The moment when Emmanuel Macron announces the COVID-19 lockdown in a video message hits Zina and her siblings like a one-two punch. They are not only torn from their usual daily life, but they are also now prisoners of their father, prone to violent outbursts. The loud and often physical confrontations between their parents are nothing new to them. However, the lockdown exposes them continuously to their father's tyranny. There are no longer any hours of safety.
Much has been reported about the increase in domestic violence during the years of the COVID-19 epidemic. But the claustrophobic images conjured by Isild le Besco evoke a sense of absolute helplessness that makes all of that fade away. However, Le Besco's drama does not just develop a sense of physical urgency. It repeatedly opens up to poetic moments and glimpses of almost paradise-like happiness. From them, a hope emerges that only great art can convey.
DAS WUNDERKIND
Weltpremiere
Deutschland 23 | Regie Thomas Stiller | mit Udo Wachtveitl, Miroslav Nemec, Ferdinand Hofer
Ein Häftling ist ermordet worden. Klarer Fall für die Kommissare Leitmayr und Batic – müssen sie eben mit ihrem kompletten Büro ins Gefängnis umziehen und damit mal eben die Angelegenheit direkt im Auge des Sturms klären. Dass sich im Bau zwei streitlustige Knast-Gangs unversöhnlich gegenüberstehen, macht die Sache nicht gerade einfach für die Ermittler, aber als dann ausgerechnet Vorzeigehäftling Scholz in den Fokus ihrer Ermittlungen rückt, droht die Situation zu eskalieren.
Schon 94 Fälle musste das Duo Leitmayr und Batic für die altehrwürdige Tatort-Reihe lösen, aber Regisseur Thomas Stiller wäre eben nicht … nun ja, er selbst, wenn er sich die Gelegenheit entgehen lassen würde, aus der jahrzehntelangen klassischen Sonntagabendunterhaltung der Deutschen erneut ein kleines kriminalistisches Meisterstück zu machen, dessen innere Logik ebenso bestechend ist wie die handwerkliche Finesse, mit der Stiller sein eigenes Drehbuch in Szene setzt. Spannende Fernsehunterhaltung im Leinwandformat und gänzlich ohne Kompromisse. Chapeau!
»Gucken doch eh zehn Millionen.« (TAZ)
A prisoner has been murdered. Investigating detectives Leitmayr and Batic don’t even have to think twice about moving their entire office into the prison and solving the matter right in the eye of the storm. The fact that two ructious prison gangs are irreconcilably opposed to each other doesn't exactly make things easy for the investigators, but when model prisoner Scholz, of all people, becomes the focus of their investigations, the situation threatens to escalate. Detective duo Leitmayr and Batic have already had to solve 94 cases for the venerable Tatort series, but director Thomas Stiller wouldn't be ... well, himself, if he passed up the opportunity to once again turn the decades-old classic German Sunday evening entertainment into a little criminal masterpiece whose inner logic is just as captivating as the technical finesse with which Stiller stages his own script. Exciting small screen entertainment in big screen format - and entirely without any compromise. Chapeau!
GEISTERFAHRT
Weltpremiere
Deutschland 2023 | Regie Christine Hartmann | mit Maria Furtwängler, Florence Kasumba, Jonas Minthe
Ausgerechnet während der Feier zum 60. Geburtstag von Kriminaldirektor Liebig rast in der Altstadt von Göttingen ein Pakettransporter in die Menschenmenge und hinterlässt Blut und Chaos in den Straßen. Während die Ärzte im Krankenhaus um das Leben der Verletzten und des Fahrers kämpfen, ergeben sich immer stärkere Widersprüche, was die Motivation der schrecklichen Tat angeht. Unfall oder Amoklauf? Das Kommissarduo Charlotte Lindholm und Anaïs Schmitz stößt bei den Ermittlungen plötzlich auf massiven Widerstand, und das nicht nur bei dem Paketdienst, der den Fahrer beschäftigte. Als sich dann eine weitere Tragödie ereignet, bekommt der Fall eine völlig neue Tragweite … Routiniert behält Regisseurin Christine Hartmann auch im fünften Tatort aus Göttingen die Fäden in der Hand und erschafft, nicht zuletzt dank der erneut großartigen Leistungen ihrer Hauptdarstellerinnen Maria Furtwängler und Florence Kasumba, eine spannende Katz-und-Maus-Jagd in einer beklemmenden Atmosphäre voll unterschwelliger Gewalt und unmenschlichem Druck.
»Why does everyone believe it’s perfectly fine to go on venting about my private life? – Because you don’t have one.« (Charlotte & Anaïs investigating)
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While Detective Director Liebig's 60th birthday party is in full swing, a delivery van plows into a crowd in the old town of Göttingen, leaving blood and chaos in the streets. While doctors at the hospital fight for the lives of the injured (including the driver), more and more contradictions emerge as to the motivation behind the horrific act. Accident or rampage? The detective duo Charlotte Lindholm and Anaïs Schmitz suddenly encounter massive resistance during the investigation, and not only from the parcel service that employed the driver. And when another tragedy occurs, the case takes on a completely new scope ... Director Christine Hartmann routinely keeps the reins in the fifth installment of the Tatort from Göttingen, and thanks to the inspired performances of her leading actresses Maria Furtwängler and Florence Kasumba, creates a thrilling cat-and-mouse chase in an oppressive atmosphere full of subliminal violence and inhuman pressure.
IN THE FORM OF LOVE
Weltpremiere
Iran 23 | Regie Sivash Asad | mit Amin Hayaei, Pantea Panahiha, Zhaleh Sameti
Der Iran in den frühen 1960ern: Die Welt ist noch ein großer Traum von Freiheit, Übermut und Technicolor, zumindest in den Augen der sechzehnjährigen Atieh (Saina Rohanie in einem beindruckenden Debüt). Zusammen mit ihrer Mutter besucht sie Rassoul, einen langjährigen Freund ihres verstorbenen Vaters, in seinem kleinen Dorf und lernt gleich bei Ankunft dessen vierzehnjährigen Sohn Kamran (Neuentdeckung Mahdiar Shahmohammadi) kennen. Kamran ist sofort hingerissen von Atiehs Ausstrahlung, und es dauert nicht lange, bis sich die beiden Teenager einander annähern. Kamran entführt Atieh in die bisher unbekannte Welt des Kinos, dessen Helden, Schurken und Abenteuern er bereits mit ganzer Leidenschaft verfallen ist. Ein magischer Sommer nimmt seinen Lauf - an dessen Ende eine erschütternde Entscheidung steht, die beide für immer verändern wird.
Regisseur Siavash Asadis in traumhaften Bildern erzählte Liebeserklärung an das Kino von gestern ist eine nostalgisch verklärte Hommage á la »Cinema Paradiso« und modernes, zu Herzen gehendes Coming-of-Age-Melodrama in einem.
»Sitting in the cinema, my ears rang, my eyes cried and my lips trembled, and it was there that my heart rose in my chest to be infinite love. Years have passed, that cinema and those movies are no more … but I am still that ten-year-old child who dreams of the smoke, the light and the silver screen.« (Siavash Asadi)
Iran in the early 1960s: The world is still a big dream of freedom, exuberance and Technicolor, at least in the eyes of sixteen-year-old Atieh (Saina Rohanie in an impressive debut). Together with her mother, she visits Rassoul, a longtime friend of her late father, in his small village and, upon her arrival, meets his fourteen-year-old son Kamran (new discovery Mahdiar Shahmohammadi). Kamran is immediately enraptured by Atieh's charisma, and it doesn't take long for the two teens to become close. Kamran takes Atieh into the previously unknown world of cinema, whose heroes, villains and adventures he is already passionately addicted to. A magical summer takes its course - at the end of which waits a shattering decision that will change both of them forever.
Director Siavash Asadi's declaration of love to the cinema of yesterday, told in dreamlike images, is a nostalgically transfigured homage á la »Cinema Paradiso« and a modern, heartfelt coming-of-age melodrama in one.
LITTLE GIRL BLUE
Internationale Premiere
Frankreich 23 | Regie Mona Achache | mit Marion Cotillard, Carole Achache, Jean Achache
»Es gibt nichts, was geschehen könnte, mich davon abzuhalten, Teil dieses Films zu sein.« (Marion Cotillard)
Nach dem Selbstmord ihrer Mutter findet die Filmemacherin Mona Achache Kisten gefüllt mit Erinnerungen, die ihr in dieser Reichhaltigkeit aus tausenden Briefen, Fotos, Ton- und Filmaufnahmen ein enigmatisches und überbordendes Bild von ihrer Mutter Carole im Schatten von Monas Großmutter, der Verlegerin und Schriftstellerin Monique Lange, zeichnen.
Der Wunsch, das Leben ihrer Mutter zu entschlüsseln entsteht. Buchstäblich lässt sie ihre Mutter vor der Kamera wieder auferstehen und findet eine kongeniale Mitstreiterin. Mona engagiert Marion Cotillard, ihre Mutter Carole zu spielen. Obsessiv wie James Stewart in »Vertigo« Kim Novak zu der Verwandlung in eine Tote zwingt, verwandelt sie Cotillard in Carole. Wir sehen zu, wie sich die Darstellerin Marion Cotillard in eine Rolle begibt, mit ihr kämpft, in ihre Gedankenwelt eindringt und ihren Schmerz und ihre Leidenschaft spürt. Aus den Kisten voller Erinnerungen entfaltet sich das Dokument eines verlorenen Lebens und ein Spiel zweier Frauen, die diese Vergangenheit wieder aufleben lassen. »Little Girl Blue« ist ein schwindelerregendes Kunstwerk, ein Metafilm, der den Zuschauer mitten ins Herz trifft.
»A family story dominated by women but darkened by men. Cotillard’s role is illuminating.« (Time Out Magazine)
»There is nothing that could happen that would stop me from being a part of this film.« (Marion Cotillard)
After her mother's suicide, the filmmaker Mona Achache finds boxes filled with memories that, in this richness of thousands of letters, photos, sound and film recordings, give her an enigmatic and exuberant image of her mother Carole’s life in the shadow of Mona's grandmother, the publisher and writer Monique Lange.
The desire to decode her mother's life arises. She literally resurrects her mother in front of the camera and finds a congenial supporter. Mona hires Marion Cotillard to play the role of her mother. Just as James Stewart obsessively forces Kim Novak to turn into a the image of a dead woman in »Vertigo«, Mona turns Cotillard into Carole. We witness the actress Marion Cotillard transform into another character, battling with her, entering her mind, and sensing her pain and passion. From the boxes full of memories unfolds the document of a lost life and a captivating game between two women who bring this past to life again. »Little Girl Blue« is a vertiginous work of art, a meta-film that hits the viewer right in the heart.
MAESTRA
Internationale Premiere
USA 23 | Regie Maggie Contreras | mit Zoe Zeniodi, Tamara Dworetz, Ustina Dubitsky
Von Cate Blanchett in »Tár« abgesehen, hat wohl kaum jemand von uns jemals eine weibliche Dirigentin gesehen. Dies überrascht nicht, da sie weltweit gerade einmal drei Prozent bei großen Orchestern ausmachen, wie uns Maggie Contreras »Maestra« gleich zu Anfang informiert. Aber es ist auch erschreckend, weil wir es gewohnt sind, weibliche Musiker zu sehen und dabei vergessen, dass das der Taktstock fast immer in den Händen eines Mannes ist. Genau dies macht diesen superben Dokumentarfilm so wichtig, aber auch so herzerwärmend. Er folgt fünf jungen Dirigentinnen aus aller Welt zu dem einzigen Wettbewerb für Frauen in ihrer Profession: »Maestra« in Paris. Die Teilnehmerinnen, denen der Film folgt, sind klug ausgewählt. Sie kommen aus verschiedenen Ländern, sind anders aufgewachsen und haben ihren eigenen Stil als Dirigenten. Letzteres wird später wichtig, wenn wir sie schon kennen und zum ersten Mal auf der Bühne erleben. Denn es lässt uns sehen und hören, dass große Dirigenten Können, aber auch Persönlichkeit in sich vereinen müssen. Nicht alle von ihnen können gewinnen, aber »Maestra« schafft es wunderbar, dass wir uns emotional mit ihnen allen zu identifizieren, da sie nicht gegeneinander kämpfen. Sie treten gemeinsam in einem Feld an, in dem Gleichberechtigung längst überfällig ist. Und es ist ein Genuss, diesen starken Frauen dabei zuzusehen, wie sie wunderschöne Musik machen.
It is safe to assume that very few of us have ever seen a female music conductor, at least if we do not count Cate Blanchett in »Tár«. This is not surprising, as less than 3 percent of conductors of the world’s big orchestras are women, as Maggie Contrera's »Maestra« informs us early on. But it is also deeply upsetting, as we are so used to seeing female musicians that we wrongly assume the glass ceiling to be already broken. This is what makes this superb documentary so important, but also so heart-warming, as it follows five women travelling to and competing in the one competition held exclusively for female conductors: »Maestra« in Paris. The competitors the film follows have been wonderfully chosen, as they come from very different countries, backgrounds and conducting styles. The latter will become apparent later, when – having gotten to know them – we see them onstage and realize that being a great conductor is not just about skill, but also personality. Not all of them can win, but »Maestra« performs the miracle of investing us emotionally in all of them, as they do not fight each other. They fight as a group in an area where equality is long overdue – and it’s a pleasure to watch these strong women create beautiful music.
ROBOT DREAMS
Deutschlandpremiere
Spanien 23 | Regie Pablo Berger
Gewinner des Besten Films in Annecy und bereits mit Oscar-Trubel umgeben, adaptiert der preisgekrönte spanische Regisseur Pablo Berger in seinem ersten Animationsfilm die beliebte Graphic Novel der nordamerikanischen Autorin Sara Varon: »Robot Dreams« erzählt von den Abenteuern und Missgeschicken von Dog und Robot im New York der 80er Jahre. Eine Geschichte über Freundschaft, ihre Bedeutung und Fragilität. Und ein Liebesbrief an den Big Apple.
Dog lebt in Manhattan und ist es leid, allein zu sein. Eines Tages beschließt er, sich einen Roboter, einen Begleiter, zu bauen. Im Rhythmus des New York der 80er Jahre blüht ihre Freundschaft auf, bis sie unzertrennlich werden. An einem Sommerabend wird Dog mit großer Tragik gezwungen, Robot am Strand von Coney Island zurückzulassen. Werden sie sich je wiedersehen? Die öffentlichen Strände schließen am Ende jeder Saison. Kein Eintritt. Kein Zugang. Und während der Sommer in den Herbst übergeht und der Herbst in den Winter, bewahrt Robot den Glauben daran, dass der Frühling Hoffnung auf ein Wiedersehen bringt. Kino ist Tagträumen. Und Robots Träume sind ein delirierender, freudianischer und erstaunlicher Ausdruck seines intimsten Wunsches, seinen Freund Dog wiederzusehen. Wie die Filme von Charlie Chaplin, Buster Keaton und Harold Lloyd - mit klaren Linien und visuellem Punch - liefert Pablo Berger mit Weisheit, Menschlichkeit und Humor ein herzergreifendes Juwel für alle Altersgruppen.
Winner of Best Film at its World Premiere in Annecy, and already garnering Oscar-buzz, in his first animation film, award-winning Spanish filmmaker Pablo Berger adapts the popular graphic novel by the North American writer Sara Varon, »Robot Dreams« – which tells the adventures and misfortunes of Dog and Robot in NYC during the '80s. A story about friendship, its importance, and its fragility. And a love letter to the Big Apple.
Dog lives in Manhattan, and he’s tired of being alone. One day, he decides to build himself a robot, a companion. Their friendship blossoms until they become inseparable, to the rhythm of 80’s NYC. One summer night, Dog, with great sadness, is forced to abandon Robot on the beach at Coney Island. Will they ever meet again? The public beaches close at the end of each season. No entry. No access. And as summer turns to autumn, and autumn turns to winter, Robot keeps faith that spring will bring hope of a reunion. Cinema is daydreaming. And Robot’s dreams are a delirious, Freudian, amazing expression of his most intimate desire to meet his friend Dog again. It’s his “return to Ithaca”. Like the films of Charlie Chaplin, Buster Keaton and Harold Lloyd – and with its clean lines and visual punch – with wisdom, humanity and humor, Pablo Berger delivers a soulful gem for all ages.
THE BOOK OF SOLUTIONS
Internationale Premiere
Frankreich 23 | Regie Michel Gondry | mit Pierre Niney, Blanche Gardin, Frankie Wallach
Fünf Millionen Dollar hat der exzentrische Regisseur Marc schon mit seinem ambitionierten Filmprojekt »Anyone, Everyone« verballert, als ihm die Produzenten kurzerhand den Geldhahn zudrehen und das Ding ohne ihn zu Ende bringen wollen. Der verzweifelte Marc schiebt eine Zigarettenpause vor, während er sich klammheimlich mit sämtlichen Dateien seines Projekts und dem treuen Kern des Filmteams davonstiehlt. Irgendwo im Süden Frankreichs, im Haus von Marcs Tante, quartieren sich die Flüchtigen schließlich ein und versuchen mit allen Mitteln, ihren Traum zu einem glücklichen Abschluss zu bringen. Dabei geht so ziemlich alles schief, was schiefgehen könnte, und zwischen improvisierten Orchesterproben für den Soundtrack, animierten Zwischensequenzen und der verzweifelten Jagd nach einem sinnvollen fünften Akt muss Marc sich eingestehen, dass Hollywood so langsam in unerreichbare Ferne rückt.
Michel Gondry, der große Träumer des französischen Kinos, hat ganze acht Jahre gebraucht, um nach »Microbe & Gasoline« (2015) wieder einen neuen Film für die große Leinwand zu drehen. Und so verzweifelt und verrückt wie das klingt, hat es dazu genauso einen Stoff wie »The Book Of Solutions« gebraucht. Meta-Kino vom Feinsten!
»I prefer to think about the machine that was invented 130 years ago to make moving images and to think about what can be done with it. Then, of course, you can either like or dislike what is made«. (Michel Gondry)
Eccentric director Marc has already spent five million dollars on his ambitious film project »Anyone, Everyone« when the producers unceremoniously cut him off and want to finish the project without him. Desperate, Marc takes a cigarette break while he steals away all the files of his project and the loyal core of the film team. Somewhere in the south of France, in the house of Marc's aunt, the fugitives finally settle in and try by all means to bring their dream to a happy conclusion. In the process, just about everything that could go wrong does, and between improvised orchestral rehearsals for the soundtrack, animated cutscenes and the desperate hunt for a meaningful fifth act, Marc has to admit to himself that Hollywood is slowly receding into the unattainable distance.
Michel Gondry, the great dreamer of French cinema, has taken a full eight years to make another new film for the big screen after »Microbe & Gasoline« (2015). And as desperate and crazy as that sounds, it took an idea as wild as »The Book Of Solutions« to do it. Meta-cinema at its finest!
UPPERCUT
Weltpremiere
USA/Deutschland 23 | Regie Torsten Ruether | mit Ving Rhames, Luise Grossmann
2014, NYC: In seiner bisher kraftvollsten und bewegendsten Rolle brilliert Ving Rhames als Elliott – ein ehemaliger Boxer, dessen zerbrochene Träume ihn dazu bringen, eine heruntergekommene Boxhalle als desillusionierter Trainer zu leiten. An einem spätsommerlichen Abend jedoch wird ein Klopfen an seiner Tür seine Seele wieder erwecken. Toni, eine junge, in Deutschland geborene Athletin (Luise Grossman) mit eisernem Willen ist fest entschlossen im Land der Träume ihren Stempel zu setzen. Nachdem sie ihren Job als Personal Trainerin verloren hat, möchte sie ihrer wahren Leidenschaft nachgehen – und Boxerin werden. Zunächst weigert sich Elliott, sie zu trainieren, aber Toni konfrontiert ihn mit ihrer ungefilterten Energie – und seine alte Leidenschaft flammt für eine Nacht wieder auf. Sie trainieren, sprechen, kämpfen, tanzen, streiten und lachen miteinander. Dabei erreicht Toni ihre Grenzen, und Elliott geht über seine hinaus. In dieser amerikanischen Neuverfilmung seines Spielfilmdebüts von 2021 »Leberhaken«, der seine Weltpremiere in Oldenburg hatte und die Aufmerksamkeit internationaler Produzenten, darunter der dreifache Oscar-Gewinner Jim Rygiel, auf sich zog, landet Torsten Ruether erneut einen K.-o.-Schlag.
»Impossible is not a fact. It's an opinion. Impossible is potential. Impossible is temporary. Impossible is nothing«. – Muhammad Ali
2014, NYC: In his most powerful and poignant role to date, Ving Rhames stars as Elliott – an ex-boxer whose broken dreams find him running a rundown boxing gym as a disillusioned coach. On a late summer night, however, a knock on his door will reawaken his soul. Enter Toni: a young German-born athlete (Luise Grossman) with an iron will, determined to make her mark in the land of dreams. Fired from her job as a personal trainer, she wants to pursue her true passion – to become a fighter. Elliott initially refuses to train her, but Toni confronts him with her unfiltered energy – and his old passion flares up again for one night. A night in which two people who couldn’t be more different become more and more curious about each other. They train, talk, fight, dance, argue, and laugh together. In doing so, Toni reaches her limits, and Elliot goes beyond his. In this American remake of his 2021 feature debut, »Leberhaken«, which had its World Premiere in Oldenburg and caught the attention of international producers, including three-time Oscar winner Jim Rygiel, Torsten Ruether lands another knockout punch.